In eigener Sache

Warum wandern? Gute Gründe, alleine loszuziehen.

Als mich mein Vater als Kind zum ersten Mal auf eine Alpentour mitnahm, war ich zunächst wenig begeistert. Drei Stunden lang ging es über Geröllfelder steil bergauf. Ich schimpfte und wollte so schnell wie möglich ins Tal zurück. Mein Vater ließ nicht locker und motivierte mich mit der Aussicht auf eine heiße Schokolade, die letzten Meter bis zur Hütte zu laufen.

Heute bin ich ihm dafür sehr dankbar. Denn als ich endlich mit meiner dampfenden Tasse in der Hand oben stand und über die beeindruckenden Bergspitzen schauen konnte, war es um mich geschehen: Das Wanderfieber hatte mich gepackt!

Seitdem sind ein paar Jahre vergangen. Die Wanderschuhe, die ich an dem Tag zum ersten Mal trug, haben nun einige Höhenmeter mehr in den Sohlen stecken. Sie haben mich über unebene Wege, hohe Gipfel, flache Sandstrände und auch über die ein oder andere Landesgrenze getragen. Auch wenn sich die Umgebung beim Wandern immer ändert, eine Sache bleibt: Die Leidenschaft für das Unterwegsseins auf zwei Beinen. Warum sie mich nicht mehr loslässt, hat viele Gründe.

Einen Gang runterfahren

So oft wenn ich eine Wanderung beginne, merke ich, wie ich hastig einen Fuß vor den anderen setze. Ich renne eher, als dass ich gehe. Ich mache kaum Pausen. Mein Körper ist noch im Alltagsmodus. Alles muss schnell gehen. Ich schaue nicht nach links oder rechts, sondern eile voran, meinem Ziel entgegen.

Nach ein paar Stunden jedoch, passiert etwas Phantastisches: Meine Beinen finden ein entspanntes Schritttempo. Ich schaue nicht mehr nur geradeaus auf den Weg, sondern entdecke, was um mich herum passiert. Meine Nase wird plötzlich empfänglich für all die intensiven Gerüche, die die Natur verströmt.

Wandern ist für mich die beste Auszeit vom Alltag. Ich merke dann, dass ich so oft viel zu schnell unterwegs bin. Beim Laufen in der Natur jedoch finde ich wieder meinen eigenen Rhythmus und ich kann meine leeren Energiespeicher auftanken. Wandern ist die pure Entschleunigung.

Zeit für mich

Ich bin kein Sozialmuffel. Ich bin gerne mit Freunden oder der Familie unterwegs. Aber wandern gehe ich auch gerne alleine. Denn bei meiner ersten Tour ohne Begleitung habe ich gemerkt, wie ich alles noch viel intensiver erleben kann. Ich habe mich danach noch nie so gut gefühlt.

Meine erste Solo-Tour hatte ich so zwar nicht geplant. Eigentlich wollten wir zu zweit unterwegs sein. Aber das Leben hat anders entschieden und so fand ich mich beim Tour-Start alleine wieder. Ich war zunächst total unruhig und verunsichert, ob ich das alleine alles schaffen würde. Ob mir das Zelt am Rucksack nicht zu schwer werden würde…

Aber nach den ersten zwei Tagen, die schwierig waren, stellte sich eine unglaubliche Euphorie ein. Ich war stolz, alleine unterwegs sein zu können. Mir wurde klar, dass ich in Begleitung niemals so viel Zeit für mich gehabt hätte. Ich genoss die Stunden, in denen ich einfach einen Schritt vor den anderen setzen und meinen Gedanken freien Lauf lassen konnte.

Das Alleinsein ist vielleicht nicht für jeden Typ das Richtige. Aber man kann es auch lernen. Es ist eine bereichernde Erfahrung, wenn man merkt, dass man alleine zurecht kommt. Und aus den Momenten, in denen man sich tatsächlich mal einsam fühlt, geht man meistens gestärkt hervor. Denn ich habe dann das Gefühl, aus eigener Kraft die Herausforderungen gemeistert zu haben.

Alleine als Frau

Wenn ich alleine mit meinem Rucksack unterwegs bin, schauen sich die Leute manchmal suchend um, ob da nicht noch jemand hinterherkommt. Als Frau alleine unterwegs zu sein, erscheint Vielen verdächtig. Wo ist dein Freund? Hast du keine Angst alleine? Nein. Habe ich nicht, selten gehabt.

Das heißt nicht, dass ich mich blauäugig in jedes Abenteuer stürze. Es gibt sicherlich Orte auf dieser Welt, in denen Frau sich zwei Mal überlegen sollte, ob sie wirklich alleine loszieht. Doch bei meinen Wandertouren in Europa habe ich mich als Frau immer genauso sicher gefühlt wie in meiner eigenen Stadt.

Außerdem kommt man viel leichter mit den Menschen vor Ort in Kontakt, wenn man alleine des Weges daher spaziert kommt. Manche halten einen für verrückt, andere für mutig. Aber die Meisten sind neugierig. Sie unterstützen einen gerne bei der Suche nach einem Platz für die Nacht oder füllen mal eben die Wasserflasche auf.

Und manchmal sieht man in ihren Augen einen Hauch von Bewunderung. Oder vielleicht ist es auch die Sehnsucht, selbst einmal mit dem Rucksack loszuziehen. Jedenfalls bestärken mich solche Momente immer, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Und zwar alleine.

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